Unsere Gesellschaft wird immer oberflächlicher. „Na und?“ meint die italienische Soziologin Elena Esposito. Für sie ist Sinnsurfen besser als Tiefschürfen – und Mode die Leitmetapher der Zeit
Frau Esposito, leben wir wirklich im Zeitalter der Oberflächen?
Das würde ich so sagen – aber das ist keine besonders originelle Erkenntnis. Wir leben eigentlich schon seit ein paar Jahrhunderten in der Zeit der Oberflächen, nämlich seit der Entstehung der Mode im 17. Jahrhundert. Damals verloren Überzeugungen und Vorlieben erstmals den Anspruch auf Ewigkeit, sie wurden vergänglich. Allerdings zeichnet sich jetzt ab, dass dieses Phänomen nicht mehr so negativ bewertet wird.
Oberflächlichkeit ist also nichts Schlimmes mehr?
Nein. Die Oberfläche ist grundsätzlich weder schlimm noch gut – sie ist heute schlicht das Einzige, was wir zur Verfügung haben.
Sie haben das auch mit dem Unterschied zwischen IBM-Kultur und Apple-Kultur erklärt. Die Bewegung des Jahres ist ja das zärtliche Streicheln einer Oberfläche – so bedient man das iPhone, das sich gerade auf breiter Front durchsetzt.
Ja, wir leben im Mac-Zeitalter. Als IBM-Programmierer musste man immer tiefer gehen, um den Computer zu beherrschen, bis zur Maschinensprache. Bei Apple ist der Zugang zum Sourcecode nicht erlaubt – und auch gar nicht nötig. Es ist nicht wichtig, tiefer zu gehen, man kommt viel weiter, wenn man immer geschickter und besser an der Oberfläche arbeitet. Die Metapher des Surfens für die Bewegung im Internet ist nicht zufällig. Es geht darum, die Illusion der Kontrolle aufzugeben. Wenn noch etwas zu kontrollieren ist, dann durch Oberflächenphänomene.
Der Sinn entstehe an der Oberfläche, sagen Sie, und Persönlichkeit sei heute schlicht die Summe aller variablen Masken, die wir uns aufsetzten. Wer sind die gesellschaftlichen Gewinner dieses Surfens auf den Oberflächen?
Wenn wir keine Kontrolle haben können, wenn wir keine Substanz haben können und fast alles auf der Oberfläche sich abspielt, hat derjenige die besseren Chancen, der mehr und komplexer und geschickter beobachten kann. Und man könnte sagen, dass die Beobachtungsfähigkeit traditionell eine Eigenschaft der Frauen war. Die Macht der Frauen beruht auf Beobachtungsfähigkeit, nicht auf Beherrschung der Mittel. Männer wurden immer mehr auf Substanz bezogen, Frauen auf Erscheinung. Was meistens als minderwertig interpretiert wurde, kann jetzt umgedeutet werden in einen Vorteil der Frauen.
Und Frauen werden in unserer Gesellschaft deutlich stärker mit der Mode identifiziert als Männer. Ist Mode eine Art Leitmetapher der Zeit?
Zumindest können in der Mode einige Aspekte sehr deutlich gezeigt werden. Mode ist deshalb faszinierend, weil sie so paradox ist. Es ist ein Dogma unserer Gesellschaft, dass jeder originell sein soll. Originell zu sein ist also absolut nicht originell. Zumal diese Originalität auf Nachahmung beruht – Mode ist ein soziales Phänomen, und wer wirklich ganz anders wäre, also originell, der könnte von den anderen gar nicht mehr erkannt werden. Also funktioniert die Mode immer über Imitation und Abweichung gleichzeitig. Ein anderes Paradox der Mode liegt in der Zeitdimension: Sie wechselt ständig, aber gerade dadurch bietet sie die einzige Form von Stabilität, die in unserer Gesellschaft möglich ist.
Auch in der Kunst müssen ständig Neuigkeiten her.
Die Kunst ist sicherlich viel komplexer als die Mode, das ist ein entscheidender Unterschied. Aber es ist wirklich eine Gemeinsamkeit, dass Kunst wie Mode von Neuigkeit besessen sind – ein oft beschriebenes Phänomen der Moderne. Außerdem gilt in der Mode wie in der Kunst, dass es kein Rezept gibt: Erfolg ist rätselhaft. Selbst ein bestimmter Stil kann nicht als Rezept benutzt werden. Man kann nicht in einem bestimmten Stil produzieren und glauben, das sei nun deswegen als Kunstwerk wertvoll. Niemand kann sagen, was als Nächstes interessant wird und warum, in der Kunst wie in der Mode – sie sind nicht kontrollierbar.
Wo finden Sie Ihre Thesen von der Wichtigkeit der Oberflächen in der Kunst am besten wieder?
Bei Graffiti: Da sieht man deutlich, dass der Inhalt keine große Rolle spielt. Es geht nicht so sehr darum, was dargestellt wird – die Schriften sind oft für nicht Eingeweihte nicht lesbar und sollen es auch gar nicht sein. Es geht schlicht darum, wo es passiert und in welcher Form: Wichtig ist die Geste, die verbotene Aneignung öffentlicher Räume. Manchmal funktioniert das auch umgekehrt: Graffiti werden tief im privaten Raum versenkt, wenn sie zum Beispiel in Hotelschubladen angebracht werden. In jedem Fall sind Graffiti ein Spiel mit den Oberflächen.
Interview: Elke Buhr
| 29.06.2009 |
